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Beyond meat as we know it – Szenarien für den Fleischkonsum von morgen

By 22. January 2019 February 25th, 2019 No Comments

Wir essen immer noch viel zu viel Fleisch. Die Folgen: Eine Belastung für die Umwelt, die weit über die planetaren Grenzen hinausgeht. Aber auch eine Belastung für die Gesundheit unserer Gesellschaft, die eigentlich vermeidbar wäre. Auf dem Höhepunkt des Fleischkonsums in der westlichen Welt stellen wir uns deshalb immer häufiger die Frage, ob es nicht auch anders geht. Ein kurzer Einblick in vier Szenarien für den Fleischkonsum von morgen.

Foto © Beyond Meat

„Iss nur 43 Gramm Fleisch pro Tag, rette die Welt”, titelte vor wenigen Tagen der Spiegel Online und schürte damit die Hoffnung im Hinblick auf die Lösung einer der zentralen Herausforderungen unserer Zeit: eine nachhaltige Ernährung für eine global wachsende Weltbevölkerung. Hintergrund waren die Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams aus dem Fachblatt “The Lancet”, welche große mediale Resonanz erfuhren.

Die Ernährung der Weltbevölkerung müsse sich drastisch ändern, äußerte sich einer der beiden Vorsitzenden der Kommission, Walter Willett von der Harvard University aus den USA. Und die Gründe liegen laut Studie auf der Hand: Rund drei Milliarden Menschen (d.h. etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung) sind fehlernährt – 820 Millionen Menschen haben nicht genügend zu essen, und mehr als 2 Milliarden Erwachsene sind übergewichtig oder gar fettsüchtig.

„Die Ernährung der Weltbevölkerung muss sich drastisch ändern.“

Walter Willet,Harvard Univiersity

Diesen großen gesundheitlichen Herausforderungen stehen ebenso große ökologische gegenüber: Mit derzeit rund 40 Prozent der Landfläche, 70 Prozent des genutzten Süßwassers und 30 Prozent der weltweiten Treibhausgase ist die Lebensmittelindustrie eine der größten Ursachen für die Belastung und Zerstörung von Ökosystemen sowie das Anheizen des Klimawandels.

Ein Haupttreiber in diesem Kontext: Unser Konsum tierischer Produkte, vor allem Fleisch. Die Gesamtbilanz verzehrter Tiere im Leben eines Deutschen liest sich wie die Einkaufsliste eines texanischen XXL-BBQ-Restaurants: 4 Rinder, 4 Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner – das macht insgesamt 1.094 Tiere, die wir durchschnittlich im Laufe unseres Lebens essen! Erst kürzlich sorgte eine Studie im Journal Science für Aufsehen, wonach mehr als 80 Prozent der weltweiten Landwirtschaftsfläche für Viehzucht genutzt werden, diese aber nur 18 Prozent unserer Kalorien und 37 Prozent unseres Proteins liefern. Und selbst die momentan „umweltfreundlichste“ Art, Fleisch zu produzieren (laut Studie „Weidehaltung“), ist am Ende des Tages immer noch mit 6 mal so hohen Treibhausgasemissionen und 36 Mal so viel Flächeninanspruchnahme verbunden wie pflanzenbasiertes Protein, bspw. durch Erbsen.

Die Folge: Wir leben schon heute über unsere planetaren Verhältnisse. Laut Global Footprint Network nutzen wir – im übertragenen Sinne – 1,7 Erden, um unsere Nachfrage nach Ressourcen zu befriedigen. In puncto Ernährung hätten wir in Anbetracht der eingangs erwähnten Faktoren schon genug zu tun, wäre da nicht noch der Weltagrarbericht der FAO mit seinen Prognosen zur zukünftigen Entwicklung. Diese gehen nämlich davon aus, dass sich (nicht zuletzt aufgrund der Annäherung der Schwellenländer an die „western diet“ Nordamerikas und Europas mit ihren Burgern, Steaks und Schnitzeln) die weltweite Fleischproduktion bis 2050 von derzeit 330 auf 455 Millionen Tonnen pro Jahr erhöhen wird.

Es stellt sich also vor dem Hintergrund einer nachhaltigeren und gesünderen Ernährung zwangsläufig die Frage, wie wir in Zukunft Fleisch konsumieren. Denn bei aller Kenntnis über die Implikationen des derzeitigen Fleischkonsums, vor allem in den Industrienationen, – wir werden nicht von heute auf morgen alle Vegetarier oder gar Veganer werden. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Alternativen zu unserem jetzigen Fleischkonsum und die Frage: Welche Entwicklungen deuten sich schon heute an und sind somit möglicherweise zentral für zukünftige Szenarien? Und vor allem: Was sind die Treiber dahinter? Gesundheit, Nachhaltigkeit oder vielleicht doch nur ein Bedürfnis nach neuen Formen des Genusses?

Szenario 1: Weniger, dafür aber besseres Fleisch

Die Megatrends Gesundheit und Neo-Ökologie sind dabei, unsere Essgewohnheiten grundlegend zu verändern – und das insbesondere beim Konsum von Fleisch. „Weniger, dafür aber besser“ lautet die Devise der Flexitarier, die auch „Teilzeit-Vegetarier“ genannt werden und sich durch einen maßvollen, auf Tierschutz bedachten und extrem qualitätsbewussten Fleischkonsum auszeichnen.

Die Mehrheit der Deutschen isst an drei oder mehr Tagen der Woche kein Fleisch. Und das nicht ohne Grund, belegen diverse Studien doch mittlerweile eindeutig, dass eine vordergründig pflanzenbasierte Ernährung signifikante Vorteile für die eigene Gesundheit bedeutet. Laut den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) entsprechen 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche einem angemessenen Verzehr. Mit aktuell rund 1,1 Kilogramm pro Woche isst der Durchschnittsdeutsche zwar immer weniger, aber doch noch immer zu viel Fleisch.

Laut einer Umfrage sind über 80 Prozent der Deutschen dazu bereit, höhere Preise für Fleisch zu zahlen, trügen sie dadurch zu besseren Haltungsbedingungen der Tiere und allgemeiner Nachhaltigkeit bei. Paradoxerweise beträgt aber gleichzeitig der Anteil von Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft gerade mal etwas über einem Prozent an der gesamten Fleischproduktion in Deutschland. Immerhin: Der Wert hat sich innerhalb der letzten 10 Jahren nahezu verdoppelt.

Hinter dieser Entwicklung stehen die Flexitarier. Genuss wird in diesem Szenario mit Welt- und Selbstverantwortung verbunden. Es kommt zu einer qualitativen Differenzierung, die uns wieder zunehmend in Richtung des Modells „Sonntagsbraten“ denken lässt. Denn wenn wir weniger Fleisch essen, dann nehmen wir es nicht nur anders wahr, sondern wertschätzen es auch wieder mehr. Und könnten so ganz nebenbei bei angepasstem Konsum tierischer Produkte entsprechend der DGE-Empfehlungen auch noch rund 22 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr sparen.

Szenario 2: Fleisch aus dem Labor

Echtes Fleisch, ohne dass dafür ein Tier sterben muss, verbirgt sich hinter den Begriffen „Cultured Meat“, „Clean Meat“ oder “in-vitro-Fleisch”. Gemeint ist immer das gleiche: Fleisch aus dem Labor. 250.000 Euro kostete der erste Burger aus reinen, in der Petrischale gewachsenen Muskelfasern. Die Wissenschaftler um Mark Post an der Universität in Maastricht hatten ihre Vision von einer nachhaltigeren Fleischversorgung ganz ohne Tierleid bereits 2013 erstmals medienwirksam umgesetzt, als ausgewählte Experten den weltweit ersten „lab-grown burger“ in London kosten durften.

„Wir werden von dem Aberwitz abkommen, ein ganzes Huhn zu züchten, um die Brust oder den Flügel zu essen, und diese stattdessen in einem geeigneten Medium züchten“, prophezeite der Staatsmann Winston Churchill bereits 1931. Knapp 80 Jahre später arbeiten neben den niederländischen Forschern in Maastricht diverse Biotechnologiefirmen in Israel (u.a. SuperMeat, Aleph Farms), den USA (u.a. Memphis Meats, Just, Finless Foods) und Japan (u.a. Integriculture, Shojinmeat) an der Umsetzung dieser Vision. Bald schon soll das aus Stammzellen gezüchtete Muskelgewebe in Form von Hamburgern, Nuggets oder Pasten zu erschwinglichen Preisen käuflich sein. Mosa Meat, das Startup von Mark Post, peilt einen Preis von 8,50 Euro pro Burger im Jahr 2021 an.

Wie nachhaltig diese Art der Fleischherstellung letztlich ist, lässt sich aufgrund des vergleichsweise frühen Stadiums (im Hinblick auf eine Massenproduktion) nur vermuten. Die Emissionen von Treibhausgasen, der Flächen- und der Wasserverbrauch könnten um über 95 Prozent sinken, kann man laut ersten Schätzungen vernehmen. Klar ist aber auch, dass der Energiebedarf aufgrund der Produktion in Bioreaktoren mit zunehmender Größe der Produktionsmengen nicht wirklich viele Einsparungen verspricht.

Szenario 3: Insekten

In 140 Ländern der Welt gehören sie schon standardmäßig auf den Speiseplan, bei uns im  westlichen Kulturkreis führt der Anblick noch zu emotionalen Reaktionen, die sich nur irgendwo zwischen Ekel und verhaltener Neugierde verorten lassen – Insekten. Weltweit gibt es zwischen 1.900-2.000 essbare Arten, die von rund zwei Milliarden Menschen in vor allem Asien, Afrika und Südamerika gegessen werden. Die Food & Agriculture Organization der Vereinten Nationen sieht in ihnen großes Potenzial für die weltweite Ernährungssicherheit.

Die Umweltbilanz kann sich jedenfalls sehen lassen: Insekten produzieren deutlich weniger Treibhausgase als Rinder und Schweine und benötigen nur ein Zehntel so viel Land. Wo ein Kilogramm Rind noch etwa 15.000 Liter Wasser erfordert, sind es bei einem Kilogramm Insekten lediglich 15 Liter. Außerdem sind Insekten aufgrund ihrer Wechselwärme viel effizienter, d.h. sie müssen zur Körpererwärmung keine Energie aufbringen und produzieren pro Kilogramm Futter zwölf mal so viel Nahrung wie Rinder. Bedenkt man dabei noch, dass etwa 80 Prozent einer Grille gegessen werden können, aber nur etwa 40 Prozent eines Rindes, wird die höhere Effizienz einmal mehr deutlich.

Dazu gesellt sich ein vergleichsweise exzellentes Nährwertprofil: Insekten sind reich an Proteinen und gleichzeitig fast frei von Fetten und Kohlenhydraten. Zwar variieren die Gehalte mitunter, doch im Hinblick auf die Trockenmasse sind Proteingehalte von 45 bis 61 Prozent keine Seltenheit. Außerdem besitzen Insekten viele Mineralstoffe und Vitamine und enthalten ähnlich viele Omega-3-Fettsäuren wie Fisch. Zuletzt sind sie eine wichtige Quelle für Spurenelemente wie Eisen und Zink (bspw. viele Insekten beinhalten doppelt so viel Eisen wie Rindfleisch).

Auf die Speisekarte schaffen es Insekten in Europa zurzeit eher als avantgardistisches Abendessen für Gourmets. Doch die Anzahl von „Entopreneuren“ (d.h. Insekten-Unternehmern) steigt stetig, und damit auch das alternative Angebot für unsere Teller. Ob Bugfoundation, die einen Insekten-Burger auf Basis der Larven des Buffalowurms herausgebracht haben und damit den Handel durcheinanderwirbeln; isaac nutrition, die mit einem Insektenproteinpulver die Sportnahrungsmittelmarkt revolutionieren möchten; oder aber Livin Farms, deren Insektenfarm für die heimischen vier Wände gleich auch noch die Lebensmittelabfälle recycelt.

Szenario 4: Pflanzenbasierter Fleischersatz

Laut jüngstem Ernährungsreport der Bundesregierung ernähren sich in Deutschland sechs Prozent der Bevölkerung vegetarisch und ein Prozent vegan. Das mag relativ gesehen nicht wirklich ins Gewicht fallen, täuscht jedoch über den großen Trend hin zu pflanzenbasierter Ernährung hinweg. Jüngste Innovationen ermöglichen gänzlich neue Geschmackserlebnisse, die mittlerweile auch Vollblut-Carnivoren (zumindest hin und wieder) auf ein richtiges Stück Fleisch verzichten lassen.

Rolf Hiltl, Namensgeber des ältestens vegetarischen Restaurants der Welt, sagte einst: „Eine Wurst muss gut schmecken. Ob da jetzt Fleisch drin ist oder nicht, das spielt doch keine Rolle.“ Dieses Mindset verinnerlichen immer mehr Hersteller und Gastronomen und verbannen Fleisch aus ihrem Angebot. Doch trockene Veggie-Schnitzel und -Bratwürste, die nicht nur bescheiden schmecken, sondern in der schier endlosen Zutatenliste auch noch Schadstoffe wie Mineralölbestandteile verstecken, scheinen zumindest teilweise der Vergangenheit anzugehören.

Seit diesem Jahr ist Beyond Meat mit seinem Burger-Patty auf Pflanzenbasis im deutschen Handel vertreten. Die Erwartungen waren groß, verspricht das Überflieger-Food-Startup aus dem Silicon Valley mit prominenten Investoren wie u.a. Leonardo DiCaprio und Bill Gates auf seiner Webseite doch „einen revolutionären pflanzenbasierten Burger, der aussieht, kocht und schmeckt wie echtes Rindfleisch“. Mittels Rote Beete Saft wird sogar das Blutige und Fleischige imitiert. Zum Geschmack kann ich an dieser Stelle auf jeden Fall schon einmal so viel sagen: Ich habe den Burger probiert und konnte bei bestem Willen keinen Unterschied zu einem normalen Fleisch-Patty feststellen (Podcast hierzu kommt)!

Dank dem hohen Anteil von Erbsenprotein liegt der Proteingehalt zwar sogar noch über dem eines Rindfleisch-Patties, aber hohe Anteile bei Fett und Salz gestalten das Nährstoffprofil insgesamt eher suboptimal. Doch wo sich der Mehrwert für die eigene Gesundheit in Grenzen hält, sprechen die ökologischen Vorteile eine klare Sprache: Im Vergleich zum konventionellen Burger braucht dieser nämlich 99 Prozent weniger Wasser, 93 Prozent weniger Land, 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen und 46 Prozent weniger Energie.

„Wir haben Angst vor einem fleischlosen Dasein. Und diese Angst ist so groß, dass wir rationale Argumente verdrängen.“

Jaap Korteweg, niederländischer Bauer

„Wir haben Angst vor einem fleischlosen Dasein. Und diese Angst ist so groß, dass wir rationale Argumente verdrängen.“, konstatiert der niederländische Bauer Jaap Korteweg unsere Beziehung zum Fleisch. Denn obwohl wir heutzutage so viel wie noch nie über die Implikationen für unsere Gesundheit und vor allem die globale Nachhaltigkeit wissen, scheinen wir Fleisch – so wie wir es kennen und kannten – noch nicht wirklich loslassen zu können.

Ob wir nun in Zukunft alle weniger, im Labor hergestelltes, auf Insekten oder gar Pflanzen basiertes Fleisch essen werden, kann und muss an dieser Stelle nicht wirklich beantwortet werden. Klar ist jedoch, dass sich unser gegenwärtiger Konsum vor dem Hintergrund globaler Nachhaltigkeits- und Gesundheitsherausforderungen umstellen muss. Und je mehr wir über unsere Ernährung und diese Zusammenhänge wissen, desto mehr Verantwortung sollte jeder Einzelne von uns übernehmen. Doch keine Panik: Wie obige Szenarien zeigen, liegen schon heute diverse Lösungsansätze auf dem Tisch.

 

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