Interview

Im Interview mit actGREEN über Klimawandel & Corona

By 17. April 2020No Comments

Wir haben unseren Experten Daniel Anthes zum Zusammenhang von COVID-19 Pandemie und Klimakrise befragt. Hier könnt ihr seine Antworten auf unsere Fragen lesen:

1. Welchen Zusammenhang siehst du zwischen der COVID-19 Pandemie und der Klimakrise?

Beide Krisen sind globale Phänomene, die auf eine globalisierte und hoch vernetzte Welt treffen, und die trotz besseren Wissens nicht wirklich vorbereitet gewesen ist. Spannend ist es vor allem aus soziologischer Sicht, da beide Krisen von uns sowohl generationen-, als auch grenzüberschreitende Solidarität verlangen. Schließlich sind es zwei Krisen, denen sich die die Menschheit nun im gleichen historischen Zeitfenster gegenübersieht und für die es jeweils Lösungen braucht, ohne dass sie sich gegenseitig verschlimmern. Doch eine überschwängliche Krisengleichsetzung darüber hinaus ist gefährlich, weil sie die Eigenheiten ausklammert und damit spezifische, effektive Herangehensweisen erschwert oder gar verhindert. Klar ist jedoch auch, dass die Wahrscheinlichkeit von Pandemien bei fortschreitendem Klimawandel und damit einhergehend zunehmender Vernichtung von Ökosystemen und Biodiversität steigt. Schrumpfende Lebensräume führen zu Verhaltensänderungen von Tieren und erhöhen damit das Risiko der Übertragung von Krankheiten auf den Menschen.

2. Menschen sprechen davon, dass die Erde seit der COVID-19 Pandemie weltweit die Möglichkeit hat sich von uns Menschen zu erholen – welche Auswirkungen können solche Aussagen auf die Zukunft haben?

Das ist natürlich erstmal extrem romantisierend und vor allem leider auch zu kurz gedacht. Nur weil sich gerade der Smog über der Metropole Wuhan zurückgezogen hat, die Fische in die Kanäle von Venedig zurückgekehrt sind oder man bei uns weniger Autos in den Innenstädten sieht, heißt das leider noch lange nicht, dass wir gerade nachhaltigen Umweltschutz betreiben. Es zeigt uns vielmehr eindrucksvoll, dass die Natur wunderbar ohne uns kann, wir aber eben nicht ohne sie. Ein kurzes Absinken der CO2-Emissionen und Schadstoffwerte ist leider kein langfristiger Gewinn für den Klimaschutz. Aus der Finanzkrise von 2008/09 wissen wir, dass nach einer solchen Krise die Wirtschaft umso stärker wieder anspringen dürfte. Damals war der Rückgang der Emissionen innerhalb kurzer Zeit wieder ausgeglichen. Mehr noch: sie stiegen stärker an, als sie es vor der Krise taten – ein klassischer „Rebound-Effekt“. Klimaschutz-Bremser wittern gerade ihre Chance und instrumentalisieren die Corona-Krise zum Schutze der heimischen Wirtschaft und Arbeitsplätze. Zum Beispiel die Automobilindustrie fordert bereits schärfere EU-Klimavorgaben zu kippen und auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag will geplante klimapolitische Maßnahmen am liebsten aussetzen. All das zielt auf einen Neustart von “business-as-usual” ab und wird uns in Zukunft nur vor noch größere Probleme stellen.

3. Die Menschen haben in kürzester Zeit ihre Verhaltensstrukturen verändert, siehst du hier die Möglichkeit einer langfristigen Veränderung? Ein Hinterfragen des Status Quo, des Konsumwahns, unserer schnelllebigen Welt?

Ich sehe hier vor allem eine Chance, altbekannte Gewohnheiten zum Wohle gesünderer, nachhaltigerer oder insgesamt zukunftsfähigerer Kulturtechniken über Board zu werfen. Klar, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ändert sich nicht gerne. Aber im Zuge von Corona werden nun alte Gewohnheiten über einen längeren Zeitraum gestresst oder bedürfen gar kurzfristiger Verhaltensänderungen, die sich auf einmal als gar nicht so verkehrt herraustellen. Je länger wir im Homeoffice und in Videokonferenzen sind, desto häufiger werden wir uns fragen, ob das nicht unserer Produktivität und Freude am Arbeiten zuträglich ist und wir nicht auf den Businessflieger verzichten können. Je öfter wir mit Freund*innen spazieren gehen oder “richtige” Bücher lesen, desto häufiger werden wir uns fragen, ob offline-sein nicht wieder integraler Bestandteil unser Alltags werden sollte. Und je häufiger wir in den Nachrichten über eine unklare Spargel- und Erdbeerernte aufgrund fehlender Saisonhelfer hören, desto mehr wissen wir die Produkte schließlich auf unseren Tellern zu schätzen – und lernen so ganz nebenbei noch etwas über Regionalität und Saisonalität von Lebensmitteln. Natürlich lebt gerade nicht jeder in einer entschleunigten Lebenswirklichkeit und auch nicht jeder wird die Entschleunigung schätzen können, doch ich glaube Vielen wird dieser Zwangsausstieg aus dem Hamsterrad „alter Alltag“ helfen, das eigene Leben etwas nachhaltiger, gesünder und generell achtsamer zu gestalten.

4. Stell dir Herbst 2020 vor: welche Zukunft sieht du hier?

Ich hoffe, dass sich die Situation bis dahin merklich beruhigt hat und die Ausgangsbeschränkungen größtenteils aufgehoben wurden. Und falls das der Fall ist, werden wir Menschen den Spätsommer genießen. Zu Beginn zwar noch verhalten und vorsichtig, doch die Grundstimmung wird eine sein, die von Erleichterung und den positiven Gefühlen infolge der großen Solidarität zu Zeiten der Krise geprägt ist. Soziale Momente werden wahrlich zelebriert. Und hey, mittlerweile weiß sogar ein nicht unbedeutender Teil der Gesellschaft, wie man Sauerteigbrot backt.

 

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Das Interview ist ursprünglich auf LinkedIn unter dem Profil der actGREEN GmbH erschienen.