InterviewTexte

Zukunft der Ernährung: Essen auch wir morgen der Nachhaltigkeit zuliebe Insekten?

By 29. October 2017 January 6th, 2019 No Comments

Wir essen einfach immer noch viel zu viel Fleisch – mit schwerwiegenden Folgen für unsere Gesundheit und das Tierwohl, aber auch Armut, Hunger und Klimawandel weltweit. Höchste Zeit also, sich nach nachhaltigen Alternativen umzuschauen. Stehen deshalb aber bald Insekten ganz oben auf unserem Speiseplan?

Eigene Aufnahme im futurefoodstudio, Wien.

Man muss nicht lange um den heißen Brei herumreden: Unser Fleischkonsum ist viel zu hoch. Mit rund 60 Kilogramm isst der Deutsche dabei im Jahr doppelt so viel Fleisch wie der durchschnittliche Weltbürger und bspw. gar 22 Mal so viel wie ein Inder. Die Gesamtbilanz verzehrter Tiere im Leben eines Deutschen liest sich wie die Einkaufsliste eines texanischen XXL-BBQ-Restaurants: Vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hüher – das macht insgesamt 1.094 Tiere, die wir im Laufe unseres Lebens essen! Ohne Zweifel: Die Art und Weise, wie wir uns zukünftig ernähren, wird sich vor dem Hintergrund der damit einhergehenden gesellschaftlichen, wie auch ökologischen Probleme ändern müssen. Ein stagnierender Fleischkonsum im Sinne eines peak meat wird hier nicht ausreichen. Viel mehr noch: Wir müssen unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren.

Vor kurzem durfte man in den Medien folgende Schlagzeile vernehmen: „Eine Schweizer Supermarktkette bietet ab nächster Woche Burger mit Mehlwürmern an. Bald sollen noch Hackbällchen folgen.“ Die Supermarktkette Coop springt auf einen Zug auf, den wir schon eine Weile als “Ento Trend” beobachten konnten: Wo sich jahrzehntelang nur die Biologen um Insekten und ihre Erforschung kümmerten, kommen nun immer mehr Berufe in Spiel, denn inzwischen werden Insekten auch als Rohstoff interessant. Biotechnologen suchen in ihnen nach Stoffen für Medizin und Industrie, Ernährungswissenschaftler prüfen sie auf Nährwert, und Lebensmitteltechniker erforschen, wie sie gezüchtet, gelagert und verpackt werden. Die Entomophagie (gr. Entomon = Insekt; phage = Essen), so scheint es, drängt auch bei uns immer mehr in die gesellschaftliche Mitte. Und sie hat mit den Vereinten Nationen auch einen mehr als prominenten Befürworter: Da die globale Fleischproduktion an ihre Grenzen stößt, setzt die UN große Hoffnungen auf Insekten, um die wachsende Weltbevölkerung künftig mit ausreichend Eiweiß zu versorgen.

Was bei uns in der westlichen Welt beim Anblick der exotischen Kost noch Gefühle zwischen Ekel auf der einen, und Spannung bzw. Neugierde auf der anderen Seite hervorruft, ist im Rest der Welt völlig normal. Weltweit sind in 140 Ländern Insekten auf dem Speiseplan – rund zwei Milliarden Menschen in vor allem Asien, Afrika und Südamerika und damit fast ein Drittel der Erdbevölkerung essen regelmäßig Insekten. Man geht davon aus, dass es zwischen 1.900-2.000 essbare Insektenarten gibt, die insbesondere gerne von Mexikaner, Chinesen und Thailändern gegessen werden.

Mein Interview mit dem Deutschlandfunk zum Thema:

(Deutschlandfunk Kultur, 2017)

Dabei waren die krabbeligen Tiere auch bei uns in Europa schon früher Teil der Ernährung: Die Römer und Griechen bspw. aßen Heuschrecken. Und die Maikäfersuppe (gemörserte und in Butter gebrate Maikäfer) war in Deutschland aufgrund der Plage noch im 19. Jahrhundert ein beliebtes Rezept unter v.a. den ärmeren Bevölkerungsgruppen. Trotzdem hatten Insekten in Europa nie denselben Stellenwert wie in anderen Gegenden der Welt. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ ist ein altbekanntes Sprichwort, welches in diesem Kontext eine kulturanthropologische Konstante unserer Ernährungsweise verdeutlicht: Die Nahrungsmittel-Neophobie. Damit ist die Angst vor neuen Lebensmitteln gemeint, welche es v.a. bei Kindern gibt und die aber in der Regel während der Jugend komplett verschwindet.

Nun könnte man aber zu Recht an Sushi erinnern, denn schließlich hat in den 70er Jahren auch niemand rohen Fisch gegessen. Und auch wirklich keiner hätte es nur annähernd für möglich gehalten, dass wir uns jetzt heutzutage am Wochenende um ein dem Gepäckband vom Flughafen nachempfundenen Rondell in der Sushi-Bar zusammenfinden, um erkalteten Reis mit rohem Fisch zu verzehren. Ach und auch nur die wenigsten wissen, dass Hummer vor 150 Jahren noch den Spitznamen „Kakerlake des Meeres“ trug – im Vergleich zum heutigen Ruf geradezu undenkbar. Doch wird unsere jetzige Kakerlake der Erde bald auch ein Ansehen genießen wie der Hummer der Meere?

Aber erst einmal zurück zum eigentlichen Thema: Wie ist es denn um die Nachhaltigkeit einer Insekten-basierten Nahrung bestimmt? In der Tat kann man hier eine vergleichsweise günstigere Umweltbilanz konstatieren: Insekten produzieren deutlich weniger Treibhausgase als Rinder und Schweine und benötigen nur ein Zehntel so viel Land. Insbesondere Letzteres ist vor dem Hintergrund der Tatsache, dass wir 70 Prozent der weltweit landwirtschaftlich bewirtschafteten Fläche für Nutztiere aufwenden, eine großer Pluspunkt. Auch der Wasserverbrauch kann sich sehen lassen: Wo ein Kilogramm Rind noch etwa 15.000 Liter Wasser benötigt, sind es bei einem Kilogramm Insekten lediglich 15 Liter. Außerdem sind Insekten aufgrund ihrer Wechselwärme viel effizienter, d.h. sie müssen zur Körpererwärmung keine Energie aufbringen und produzieren außerdem pro Kilogramm Futter zwölf mal so viel Nahrung wie Rinder. Bedenkt man dabei noch, dass 80 Prozent einer Grille gegessen werden, aber nur etwa 40 Prozent eines Rindes, wird die höhere Effizienz einmal mehr deutlich.

Dabei haben Insekten ein exzellentes Nährstoffprofil: Sind sind reich an Proteinen und gleichzeitig fast frei von Fetten und Kohlehydraten. Zwar variieren die Gehalte mitunter, doch im Hinblick auf die Trockenmasse sind Proteingehalte von 45 bis 61 Prozent keine Seltenheit. Bei bspw. Grashüpfern und Heuschrecken macht der Proteingehalt sogar bis zu 77 Prozent aus und ist damit um ein Mehrfaches höher als jener bei Huhn oder Fisch. Außerdem besitzen Insekten viele Mineralstoffe und Vitamine und enthalten ähnlich viele Omega-3-Fettsäuren wie Fisch. Zuletzt sind sie eine wichtige Quelle für Spurenelemente wie Eisen und Zink (viele Insekten beinhalten doppelt so viel Eisen wie Rindfleisch). Diesen guten Werten zum Trotz ist die Forschung bzgl. der Ernährung mit Insekten noch recht überschaubar und deshalb ernährungsphysiologisch zu leicht pauschalisierbar. Neben möglichen toxischen Wirkungen können manche Insektenarten nämlich auch Allergien hervorrufen. Welche Inhaltsstoffe hier potenziell problematisch sind und in welchem Kontext Gesundheitsrisiken auftreten können, ist jedoch noch weitgehend unerforscht.

Was aber bringt die Nachhaltigkeit, wenn sich die momentane Nachfrage noch in Grenzen hält? Erste Studien zeigen: Grundsätzlich ist zwar in etwa ein Fünftel der Befragten zum Essen von Insekten bereit. Doch die Zubereitung spielt eine große Rolle, denn mit 46 Prozent ist die Ekel-Barriere der meistgenannte Grund für Ablehnung. Hier bietet sich die Verarbeitung von Eiweißpulver bzw. Insektenmehl an, welches in zerkleinerter und damit auch unkenntlicher Form die Leute nicht weiter drüber nachdenken lässt. Und so ließen Blindverkostungen Insektenbällchen gar sehr gut abschließen. Laut einer Studie des Bundesinstitut für Risikobewertung sind es vor allem gebildete, urbane Männern zwischen 18 und 30 Jahren, die die größte Akzeptanz für Insekten als Lebensmittel aufweisen.

Auf die Speisekarte schaffen es Insekten in Europa zurzeit eher als avantgardistisches Abendessen für Gourmets: Käfer statt Kaviar könnte man überspitzt sagen. Und so sind es derzeit noch einige wenige Akteure, die sich auf die „Vermainstreamung” und damit dem Herausholen der Insekten aus der kulinarischen Nische konzentrieren. Doch die Anzahl von „Entopreneuren“ (d.h. Insekten-Unternehmern) steigt stetig, und damit auch das alternative Angebot für unsere Teller. So lassen sich bspw. mit The Hive, einer Insektenfarm für die heimischen vier Wände, Mehlwürmer auf Küchenabfällen züchten und wöchentlich zwischen 200 und 500 Gramm ernten.

Insekten sind eine ernstzunehmende Protein-Alternative zum Fleisch und werden auch bei uns zwar langsam, aber sicher immer populärer. Und aus ernährungsphysiologischer Sicht sowie aus ökologischen, ökonomischen und auch ethischen Gründen mag erst einmal vieles dafür sprechen, Insekten fest im Speiseplan des Menschen zu verankern. Klar ist aber auch, dass es neben den Akzeptanzhürden in westlichen Gesellschaften auch noch viele wissenschaftliche, regulatorische bzw. juristische und technische Herausforderungen im Hinblick auf eine industrielle Produktion und den Konsum gibt, die es zu klären gilt.

 

 

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Quellen:

  • Statista (2017): Fleischkonsum pro Kopf. Internet: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36573/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-fleisch-in-deutschland-seit-2000/
  • Heinrich Böll Stiftung (2016): Fleischatlas 2016 – Deutschland regional. Internet: https://www.boell.de/de/fleischatlas
  • Bundesinstitut für Risikobewertung (2016): Insekten als Lebens- und Futtermittel? Internet: http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2016/16/insekten_als_lebens__und_futtermittel___nahrung_der_zukunft_-197550.html