Fast ein Drittel der Menschen weltweit isst Insekten. Im westlichen Kulturkreis führt der Anblick noch zu emotionalen Reaktionen, die sich nur irgendwo zwischen Ekel und verhaltener Neugierde verorten lassen. Doch aufgrund der Megatrends Nachhaltigkeit und Gesundheit finden wir nun auch hierzulande immer häufiger UnternehmerInnen, GastronomInnen und KonsumentInnen, die sich Heuschrecken, Grillen und Würmern öffnen.

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In Europa noch tabu, in der restlichen Welt ganz normal
80 Prozent der Länder weltweit haben Insekten auf ihrem Speiseplan. Das sind mehr als 140 Staaten mit insgesamt rund zwei Milliarden Menschen, die laut der Food & Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen regelmäßig Insekten essen. Vor allem in Asien, Afrika und Südamerika (und hierbei v.a. China, Thailand und Mexiko) sind Grillen, Heuschrecken und Würmer eine kulinarische Konstante. Doch bei uns im westlichen Kulturkreis sieht man ebene jene Kleinstlebenwesen noch mit einer großen Portion Skepsis bis Ekel an und beschränkt sich lieber – im gesellschaftlichen Mainstream – weiterhin auf Huhn, Schwein und Rind.
Doch nicht erst seit dieser Woche wissen wir, dass unser Fleischkonsum zu hoch ist – zu Lasten der Umwelt und unserer Gesundheit. Das Thema nachhaltige Ernährung wird in Anbetracht einer wachsenden Weltbevölkerung und fortschreitendem Klimawandel immer drängender. Erst diese Woche hat der Weltklimarat in Genf einen neuen Sonderbericht veröffentlicht, wonach die globale Erderwärmung schneller voranschreitet als gedacht – mit dramatischen Implikationen für die Landwirtschaft. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschläge und häufigere Wetterextreme bedrohen schon heute die weltweite Ernährungssicherheit.
„Land- und Forstwirtschaft sowie andere Formen der Landnutzung für 23 Prozent des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich.“
Die Forscher sehen vor allem im Fleischkonsum eine zentrale Stellschraube, um den menschengemachten Klimawandel einzudämmen und nachhaltige Entwicklung zu garantieren. Nicht ohne Grund: Land- und Forstwirtschaft sowie andere Formen der Landnutzung für 23 Prozent des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Und ganze 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden für die Tierproduktion genutzt. So wird schnell klar, dass unser derzeitig viel zu hoher Fleischkonsum sich nicht mit den Nachhaltigkeitsherausforderungen in Einklang bringen.
Insekten und ihr Potenzial für eine nachhaltigere Ernährung

Eigene Darstellung nach Heinrich Böll Stiftung, 2018
Die FAO sieht in Insekten und den rund 2.100 essbaren Arten auf der Erde schon seit Jahren großes Potenzial für die weltweite Ernährungssicherheit. Diese seien nicht nur deutlich nachhaltiger was die Produktion und ihren ökologischen Fußabdruck anbelangt, sondern ihr Konsum sei auch deutlich vorteilhafter für die menschliche Gesundheit.
Und in der Tat: Die Umweltbilanz kann sich sehen lassen. Insekten produzieren deutlich weniger Treibhausgase als Rinder und Schweine und benötigen nur ein Zehntel so viel Land. Wo ein Kilogramm Rind in der Produktion noch etwa 15.000 Liter Wasser erfordert, sind es bei einem Kilogramm Insekten im Schnitt lediglich 15 Liter. Außerdem sind Insekten aufgrund ihrer Wechselwärme viel effizienter, d.h. sie müssen zur Körpererwärmung keine Energie aufbringen und produzieren pro Kilogramm Futter zwölf mal so viel Nahrung wie Rinder. Und bedenkt man schließlich noch, dass oft fast das gesamte Insekt gegessen werden kann (bspw. bei Grillen sind es aufgrund der Beine „nur“ 80 Prozent), aber nur etwa 40 Prozent eines Rindes, wird die höhere Effizienz einmal mehr deutlich.
Insekten und ihr ernährungsphysiologischer Mehrwert

Eigene Darstellung nach Heinrich Böll Stiftung, 2018
Dazu gesellt sich ein vergleichsweise exzellentes Nährwertprofil: Insekten sind reich an Proteinen und gleichzeitig fast frei von Fetten und Kohlenhydraten. Zwar variieren die Gehalte mitunter im Hinblick auf die Art, Fütterung und Lebenszyklus (Ei, Larve, Puppe), doch im Hinblick auf die Trockenmasse sind Proteingehalte von 45 bis 61 Prozent keine Seltenheit. Mit Weizenkleie gefütterte Heuschrecken weisen zum Beispiel einen doppelt so hohen Proteingehalt auf wie Artgenossen, die mit Mais gefüttert werden.
Erst kürzlich wurde im Fachblatt „Frontiers in Nutrition“ eine Studie veröffentlicht, wonach Insekten gar vor Krebs schützen können, da Grillen, Heuschrecken und Raupen größere Mengen an wertvollen Vitaminen und Mineralstoffen mit antioxidativer Wirkung haben als beispielsweise Orangensaft. Außerdem enthalten Insekten ähnlich viele Omega-3-Fettsäuren wie Fisch. Zuletzt sind sie eine wichtige Quelle für Spurenelemente wie Eisen und Zink (bspw. viele Insekten beinhalten doppelt so viel Eisen wie Rindfleisch).
„Nicht nur ökologisch, sondern auch ernährungsphysiologisch spricht vieles für Insekten.“
Auch wenn Insekten also unterschiedlich bewertet werden müssen, sind sie unzweifelhaft eine brillante Alternative zu Fleisch. Nicht nur ökologisch, sondern auch ernährungsphysiologisch spricht vieles für Insekten. Und auch mit Blick auf das Wohl der Tiere scheint man hier im Vergleich zu der traditionellen Viehhaltung besser dran zu sein. Noch weiß man zwar wenig darüber, ob und wie schmerzempfindlich Insekten sind. Doch die übliche Tötung durch Einfrieren kommt dem „natürlichen Schicksal“ der Kaltblütler, die bei geringen Temperaturen in „Winterschlaf“ fallen, sehr nahe.
Auch unser Speiseplan kannte bereits Insekten
Nun spielen diese grundlegenden Bewertungen zweilsohne in die Karten des hiesigen gesellschaftlichen Wandels und der Megatrends Nachhaltigkeit und Gesundheit. Doch wie kann es sein, dass Insekten im westlichen Kulturkreis noch so ein großes Tabuthema sind? Dies ist vor allem verwunderlich, da Insekten auch in unseren Breiten schon einmal auf dem Speiseplan standen. Bereits die Römer und Griechen aßen Heuschrecken und andere Krabbeltiere. Und in Hessen, Thüringen sowie Frankreich und Luxemburg war die Maikäfersuppe wohl noch bis ins 20. Jahrhundert hinein eine saisonal beliebte Speise.

Quelle: Schindler, 2019
Diese alten Traditionen scheinen in der Gegenwart aber nicht mehr wirklich in Erinnerung zu sein. Beim Anblick von Insekten herrscht eine regelrechte Neophobie, d.h. wir hegen eine Angst gegenüber dem vermeintlich Neuen auf dem Teller. Das kennt man sonst eigentlich nur von Kindern und verschwindet in der Regel während der Jugend komplett. Psychologisch könnte man das damit begründen, dass wir nicht gerne essen, was wir normalerweise nur um den Müll herumschwirrend oder in ungepflegten Ecken der Wohnung hausend kennen.
„Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht”, besagt ein altes deutsches Sprichwort und bezieht sich auf Menschen, die Neuem gegenüber nicht wirklich aufgeschlossen sind und das Vertraute bevorzugen. Aber hätte man die deutsche Bevölkerung in den 70er Jahren gefragt, ob sie gerne Sushi, also rohen Fisch, essen wollten, hätte der Großteil eher dankend abgelehnt. Und selbst der Hummer trug vor 150 Jahren noch den Spitznamen „Kakerlake der Meere“, da er eine regelrechte Plage war. Heute laufen beide Speisen in der Regel unter Fine Dining.
„Hätte man die deutsche Bevölkerung in den 70er Jahren gefragt, ob sie Sushi essen wollte, hätte der Großteil dankend abgelehnt.“
Ento Food als größer werdender Trend
Dass sich unsere Ernährungskultur derart krass wandeln kann, wissen auch die vielen „Entopreneure“ (von Entomophagie, d.h. der Verzehr von Insekten), die Insektenessen auch in den westlichen Industrienationen wieder salonfähig machen wollen. Denn zur Zeit schaffen es Insekten in Europa eher nur als avantgardistisches Abendessen auf die Speisekarte für Gourmets.
Doch die Community der „Insektivoren“ (d.h. Insektenesser) wächst beständig, weshalb es immer häufiger entsprechende Angebote gibt. Ob Bugfoundation, die einen Insekten-Burger auf Basis der Larven des Buffalowurms herausgebracht haben und damit den Handel durcheinanderwirbeln; isaac nutrition, die mit einem Insektenproteinpulver die Sportnahrungsmittelmarkt revolutionieren möchten; oder aber Livin Farms, deren Insektenfarm für die heimischen vier Wände gleich auch noch die Lebensmittelabfälle recycelt.
Noch mag sich das um es sich um eine ausgesprochene Nische handeln. Doch Prognosen einiger Marktforschungsinstitute schätzen den Umsatz des Sektors für 2023 bereits auf über 1 Milliarde US-Dollar, 2030 sollen es gar 8 Milliarden sein. Globale Konzerne wie Nestlé und Cargill halten ein Auge auf den wachsenden Markt, große Stiftungen wie die Bill and Melinda Gates Stiftung haben sich bereits Finanzierung von Pionierunternehmen beteiligt. Und nun springen auch große Handelsketten wie bspw. Lidl auf den Zug auf und bringen in ausgewählten Filialen frittierte Insekten als Snacks in die Regale.
Ob Insekten wie in anderen Teilen der Welt auch bei uns zu einer weit verbreiteten Speise werden, lässt sich derzeit nur schwer abschätzen. Denn noch weiß niemand genau, ob die Massenzucht von Insekten ähnliche Probleme mit sich bringen könnte wie die konventionelle Viehzucht. Klar ist aber, dass sich unsere Ernährung vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen wie Klimawandel sowie Mangelernährung wandeln muss. Und Grillen, Heuschrecken und Würmer scheinen hier erstmal einiges zu bieten.
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Weiterführende Inhalte:
- Food & Agriculture Organization (2013): Edible Insects. Future Prospects for Food and Feed Security.
- Heinrich Böll Stiftung (2018): Insekten – alte und neue Nützlinge.
Mein Interview mit Deutschlandfunk Kultur über Insekten und die Zukunft der Ernährung:
Mein FoodFactFriday zum Thema Ento Food:



