Unser aktuelles Ernährungssystem hat sich in ökologische, soziale und ökonomische Sackgassen manövriert. Zukunftsforscher und Food-Experte Daniel Anthes zeigt, wie die Next Food Economy systemische Herausforderungen lösen kann und zum Treiber für mehr gesellschaftliche Wertschöpfung wird. Fünf Leitprinzipien werden dabei für Akteur:innen im Lebensmittelbereich besonders wichtig.

Auf die fetten Jahre kommt die Ernüchterung: Unser aktuelles Ernährungssystem befindet sich im Wachstumsparadox. Jahrhundertelanges Trimmen auf Effizienz, Skalierung und Verfügbarkeit haben unser Food-System zu einem bunten Bauchladen werden lassen, der alle erdenklichen Lebensmittel das ganze Jahr über zu extrem günstigen Preisen in höchststandardisierter Ausführung anbietet. 

Das System ist somit erfolgreich im Sinne einer quantitativen Expansion, doch – so zeigen uns zunehmend aktuelle Weltgeschehnisse (von Extremwetterereignissen und Ernteausfällen über Mangel- und Fehlernährung bis zu Wirtschaftskrisen und zusammenbrechenden Lieferketten) – inhärent fragil. Denn das Ergebnis der industriellen Wachstumslogik hat einen Preis, den wir zwar nicht an der Supermarktkasse, aber als Gesellschaft als Ganzes zahlen: Das Food-System hat sich in ökologische, soziale und ökonomische Sackgassen manövriert.

[…]

Bye Bye Business as usual: Transformation gestalten

In der Next Food Economy wird Wachstum nicht mehr alleine als reine Effizienz- oder Mengensteigerung verstanden, sondern vor allem auch als qualitative Entwicklung in Anbetracht gesellschaftlicher Herausforderungen und echter menschlicher Bedürfnisse. 

Der Business-as-usual-Ansatz vieler etablierter Unternehmen wird durch die transformativen Pioniere (v.a. Startups und progressive Mittelständler:innen) herausgefordert: Der unternehmerische Fokus weitet sich von kurzfristigem Denken zu mittel- bis langfristigen Entwicklungen, von strukturell-organisatorischen zu ethisch-normativen Motiven des Wandels, vom Optimieren einzelner Produkte oder Prozesse hin zum Prägen ganzer Wirtschaftsbereiche und Gesellschaften. Finanzielle Wertschöpfung wird zur gesellschaftlichen Wertschöpfung.

[…]

Business Cases der Next Food Economy: 5 Leitprinzipien

Mit Blick auf Unternehmensstrategien im Lebensmittelbereich öffnen sich dadurch verschiedene Spannungsfelder, Entwicklungspfade und Leitprinzipien:

  • Von der Effizienz über Konsistenz und Suffizienz zur Resilienz
    Das Lebensmittelsystem wird nicht nur effizienter, sondern denkt zunehmend in Kreisläufen und natürlichen Limits – und wird damit insgesamt krisenfester.
  • Regeneration statt Nachhaltigkeit
    Neue Produktionsmethoden ermöglichen nicht nur eine Aufrechterhaltung, sondern gar Revitalisierung der Ökosysteme durch Steigerung von Humusaufbau, Biodiversität und Wasserretention oder CO2-Speicherung.
  • Kollaboration statt Konkurrenz
    In Zeiten gesättigter Märkte und großer globaler Herausforderungen versprechen Allianzen echte Wachstumspotenziale – sowohl vertikal durch die Zusammenarbeit von Konzernen mit regenerativen Landwirt:innen, als auch horizontal für Kosteneinsparungen beim Logistik-Sharing oder Knowhow-Transfer in der Co-Branding-Produktentwicklung.
  • Von Lieferketten zu Wertschöpfungsnetzwerken
    Lineare, intransparente und fragile Wertschöpfungsketten wandeln sich im Zuge eines Krisen-New-Normal zu kleinteiligen, dezentralen, mittels Blockchain-Technologie gänzlich transparenten Ökosystem-Netzwerken, die im Störfall deutlich dynamischer und resilienter agieren können.
  • Vom Konsum zum Prosum
    Radikale Transparenz in der Lebensmittelindustrie führt zum Ende der klassischen „Endverbraucher:innen“-Ära und lässt Konsument:innen immer häufiger am Entstehungsprozess der Lebensmittel mitwirken – sei es durch Co-Creation, Ernährungs- & Bürgerräte oder Crowdfunding & -investing.

[…]

____________

Dies ist ein Auszug des Kapitels „Next Food Economy – Vom Wachstum zur Wertschöpfung“ der von The Future:Poject veröffentlichten Metastudie „Next Economy – Brücken in die Zukunft der Wirtschaft“, 2026, Frankfurt am Main.

Share