Texte

Wie die Generation Global die Klimabewegung revitalisiert

By 17. Februar 2019 Februar 25th, 2019 No Comments

Weltweit gehen Jugendliche auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu streiken. Die Generation Global ist eine heranwachsende Generation von Weltbürgern, die globale Probleme wie Klimawandel und Ressourcenverknappung als ihre eigenen versteht. Und damit den Ausgangspunkt einer neuen Nachhaltigkeitsbewegung markiert: Lokales Engagement für mehr globale Wirkung.

Photo by Ben White on Unsplash

Greta Thurnberg, Luisa Neubauer und Jakob Blasel – das sind die Namen, die wir zur Zeit häufiger in Nachrichten lesen dürfen. #Fridaysforfuture und #SchoolsStrike4Climate sind seit Tagen unter den Top-Trend-Hashtags auf Twitter. Und in den Talkshows und TV-Magazinen weltweit wird sich auf einmal wieder angeregt über die Themen Klimawandel, Aktivismus und gesellschaftlicher Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit unterhalten. Was ist passiert?

Vor gut drei Jahren wurde in Paris auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen von praktisch allen Staaten der Erde ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen geschlossen, um die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Man wolle sogar Anstrengungen unternehmen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch auf die Euphorie dieses historischen Moments folgte langsam, aber sicher immer mehr die Ernüchterung: Führende Staaten der Erde drohen ihre Klimaziele krachend zu verpassen – von Deutschland über die Niederlande bis, natürlich, hin zu den USA. Mit Brasilien, China und Japan sind nur drei G20-Staaten auf dem Weg, ihre Ziele zu erreichen.

Die Welt steht also mit dem Rücken zur Wand. Doch nun passiert Folgendes: Wir sind Zeugen einer neuen globalen Umweltbewegung. Sie wird getragen und vorangetrieben von einer heranwachsenden Generation von jungen Weltbürgern, die globale Probleme wie Klimawandel und Ressourcenverknappung als ihre eigenen versteht. Und genau hierin liegt auch das große Potential: Denn gefragt nach ihrer eigenen Identität, versteht sich diese Generation vor allem als Weltbürger. Die Generation Global, wie sie das Zukunftsinstitut nennt, identifiziert sich nicht mehr mit Nationalstaaten, sondern vor allem mit anderen Menschen, die die eigenen Werte teilen und sich für das gleiche Anliegen begeistern können.

„Wir sind Zeugen einer neuen globalen Umweltbewegung.“

 

Tausende Schüler gehen seit Wochen freitags auf die Straßen, um vor ihren Parlamenten für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Genauer gesagt um zu streiken, denn machen sie dies doch während der Schulzeit. Und ja, das ist ein bewusst kalkulierter Verstoß gegen bestehende Regeln, sieht die Bewegung die Verfehlungen der globalen Klimapolitiken doch auch als viel schwerwiegenderen Verstoß gegen den gesellschaftlichen Zukunftsvertrag. Vorbei sind die Zeiten, wo man sich an Wochenenden als Kleingruppe auf den urbanen Haupteinkaufsstraßen zwischen die Shopping-Wütigen stellte, um für mehr Tierwohl oder Fairtrade-Produkte Unterschriften zu sammeln. Heute läuft man zu Zehntausenden durch die Regierungsviertel und hält Schilder mit “Skolstrejk för Klimatet”, “Stop climate change!” oder “We don’t have time!” den führenden Politikern unter die Nase.

50 Prozent der Weltbevölkerung ist jünger als 30 Jahre. Im politischen Geschehen, insbesondere in der Weltpolitik, spielten sie bis vor kurzem jedoch kaum eine Rolle. Man muss schon sehr lange an das letzte Mal zurückdenken, als sich so viele junge Leute an einer politischen Demonstration beteiligt haben. Doch die heutige Bewegung ist nicht mal nur eine aus Mitläufern, sondern sie selbst ist Initiator und treibende Kraft. Und dank der technologischen Vernetzung können sich derartige Interessengemeinschaften und Initiativen heutzutage problemlos und über Grenzen hinweg organisieren. Die Generation Global ist smart, und aufgrund der gelebten Digitalität auch enorm wirkmächtig.

Eine weitere wichtige Neuerung: Für derartiges politisches Engagement braucht es keine politische Couleur. Denn so steigt bei der jüngeren Bevölkerung zwar wieder das Interesse an politischer und gesellschaftlicher Teilhabe, doch Parteien bzw. eine Aufteilung in politische Lager sind out. Die Dichotomie zwischen „rechts“ und „links“ ist genauso wenig zeitgemäß wie zwischen „real“ und “digital“ oder das Denken in nationalstaatlichen Grenzen.

Globale Probleme beschäftigen viele Jugendliche heute mehr als persönliche Sorgen. Klimawandel und Naturzerstörung, Kriege und Konflikte, soziale Ungleichheit – das sind die Top-Themen und großen Herausforderungen unserer Zeit, denen sich die Welt laut der Generation Global stellen müsste. Individuelle Herausforderungen, die mit der Ausbildung, der finanziellen Situation oder der Gesundheit verbunden sind, rücken in den Hintergrund. Auch weil man heute auf der „Mikroebene“ mit weniger existentiellen Ängsten konfrontiert ist als noch die Großelterngeneration.

„Globale Probleme beschäftigen die Jugendlichen heute mehr als persönliche Sorgen.“

 

Die Generation Global löst sich von einem materialistischen Denken, in dem teure Dinge einen bestimmten sozialen Status garantierten. Umso empfänglicher ist sie deshalb für Sharing-Angebote. Doch geteilt werden neben Autos, Kleidung oder Lebensmitteln eben auch die Sorgen. Soziale Netzwerke, neue Dienstleistungsplattformen und innovative „App-Gemeinschaften“ machen es möglich, die Aktivitäten der Generation Global unabhängig voneinander in verschiedensten Ausprägungen und in unterschiedlichsten Teilen der Welt entstehen zu lassen. Die oft hyperlokalen Projekte und Initiativen sind somit Ausdruck einer neuen Klasse von Weltbürgern mit bewundernswerten altruistischen Werten. Die heranwachsende Generation Global nimmt den Planeten als ihr Zuhause ernst und versteht globale Belange wie Klimaschutz und Umweltverschmutzung als ihre eigenen.

Gerade mal jeder Fünfte der derzeit 18-35-Jährigen weltweit hat das Gefühl, dass die eigenen Anliegen im Heimatland von den dortigen Entscheidungsträgern vor großen Entscheidungen ernst genommen werden. Für Unternehmen, genauso wie für die Politik wird es künftig aber unabdingbar sein, mehr auf Generation Global und ihre Bedürfnisse zu hören. Denn durch ihre schiere Größe sind sie nicht nur bereits heute sehr einflussreich, sondern vor allem in der Zukunft, da sie dann auch einen immer größeren Teil der Arbeitskräfte und der Wählerbasis darstellen. Und genau deshalb darf man sie auch nicht als reine Modeerscheinung abtun, sind sie im Kern doch eine Anpassungsleistung an eine sich im grundlegenden Wandel befindende Welt.

 

_____

Weiterführende Literatur: